Bilanzierung · DIN V 18599

Monatliche Bilanzierung nach Teil 1 – Zonenbilanzen und Jahresergebnis

Teil 1 ist die zentrale Schaltstelle der DIN V 18599: Alle Teilberechnungen laufen hier zusammen. Die Monatsbilanz erfasst saisonale Schwankungen korrekt und liefert den Primärenergiebedarf je Energieträger für den GEG-Nachweis.

Wärmegewinne und -verluste für jeden Monat separat
Zonenweise Bilanzierung mit NRF-Gewichtung
Iteratives Verfahren für Anlagenrückkopplungen
FAQ Beratung
12×
Monatsschritte je Zone
NRF
gewichtete Gesamtbilanz
Iteration
Anlagenrückkopplung
5
Energiedienstleistungen
Systemübersicht

Teil 1 als zentrale Schaltstelle der Norm

Die DIN V 18599 gliedert sich in über zehn Normteile, die jeweils eine Energiedienstleistung oder einen Anlagentyp beschreiben. Teil 1 definiert das übergeordnete Bilanzrahmenwerk: Er legt fest, wie die Teilergebnisse – Heizung aus Teil 3, Lüftung aus Teil 6, Beleuchtung aus Teil 4, Kühlung aus Teil 7, Trinkwarmwasser aus Teil 8 – rechnerisch zusammengeführt werden.

Das Ergebnis ist eine zonenweise Monatsbilanz, die am Jahresende zur Gesamtbilanz des Gebäudes aufsummiert wird. Dieser strukturierte Ansatz ermöglicht es, jede Energiedienstleistung einzeln zu variieren und den Einfluss auf den Primärenergiebedarf transparent nachzuweisen – eine zentrale Anforderung für Sanierungsvariantenrechnungen und GEG-Nachweise.

Bilanzschema

Vom Nutzenergiebedarf zum Primärenergiebedarf

Das Bilanzschema folgt einer festen Hierarchie. Jede Stufe addiert Verluste und wandelt die Einheit um – von der nutzerorientierten Anforderung bis zum primärenergetischen Gesamtergebnis für den normativen Nachweis.

Nutzenergiebedarf QN Heizen · Kühlen · Lüftung · Trinkwarmwasser · Beleuchtung
+ Anlagenverluste Erzeugung · Verteilung · Speicherung · Übergabe
Endenergiebedarf Qf je Energieträger: Erdgas · Strom · Fernwärme · Heizöl …
× Primärenergiefaktor fP Strom: 1,8 · Erdgas: 1,1 · Fernwärme: netzspezifisch · Holzpellets: 0,2
Primärenergiebedarf QP kWh/(m²·a) bezogen auf NRF – GEG-Nachweisgröße
Raumbilanz

Wärmeflüsse in der monatlichen Raumbilanz

Die thermische Bilanz jeder Zone setzt sich aus Wärmequellen (Gewinne) und Wärmesenken (Verluste) zusammen. Das monatliche Gleichgewicht entscheidet, ob geheizt oder ob abgekühlt werden muss.

Wärmegewinne (Qg)

  • Solar: g × AFenster × Gsolar × ηVerschattung
  • Personen: 6–8 W/m² × Nutzungsstunden
  • Geräte/Arbeitsmittel: Büro ca. 7 W/m²; Lager ca. 2 W/m²
  • Beleuchtungsabwärme: Ergebnis aus Beleuchtungsbilanz
  • Anlagenabwärme: Heizverteilleitungen im beheizten Bereich

Wärmeverluste (Ql)

  • Transmission: U × A × ft × ΔT je Bauteil
  • Lüftung mechanisch: nmech × V × ρ × cp × ΔT
  • Infiltration: ninf × V × ρ × cp × ΔT
  • Wärmebrücken: Ψ × l × ΔT (längenbezogen)
Q_h,Monat = Ql − ηg × Qg   [kWh/Monat]
ηg = f(γ = Qg / Ql, Cwirk)   → Ausnutzungsgrad
Q_h,Jahr = ΣMonate max(Qh,Monat ; 0)

ft (Temperaturkorrekturfaktor):
 • Außenwand direkt: 1,0  • Kellerdecke (Keller unbeheizt): ≈ 0,6  • Dachboden: ≈ 0,8

Der Temperaturkorrekturfaktor ft beim Transmissionswärmeverlust berücksichtigt, dass ungeheizte Pufferzonen (Keller, Dachboden) eine reduzierte Temperaturdifferenz gegenüber der Außenluft aufweisen. Er liegt zwischen 0,5 (gut gedämmter Keller mit stabiler Erdreichtemperatur) und 1,0 (direkte Außenwand).

Saisonalität

Monatsbilanz – Warum 12 Schritte statt eines Jahreswerts?

Ein einziger Jahreswert würde solare Sommererträge und winterliche Heizlast vermischen und zu systematischen Fehlern führen. Die Monatsbilanz trennt beides: Im Winter dominieren Verluste, im Sommer liefern solare Gewinne oft mehr als benötigt wird.

JanFebMrzAprMaiJunJulAugSepOktNovDez
Heizenergiebedarf Kühlenergiebedarf

Wintermonate (Nov–Feb)

Hohe Transmissions- und Lüftungsverluste überwiegen. Solare Gewinne sind gering wegen niedrigem Sonnenstand und kurzen Tagen. Ausnutzungsgrad η liegt nahe 1,0 – jede Kilowattstunde Gewinn wird vollständig dem Heizenergiebedarf gutgeschrieben.

Sommermonate (Jun–Aug)

Solare Gewinne übersteigen häufig die geringen Verluste. Der Heizenergiebedarf wird auf null gesetzt. Der Überschuss fließt in die Kühlbedarfsberechnung: Qc steigt, insbesondere bei Gebäuden mit hohen Fensterflächen nach Süden oder Westen.

Zonierung

Zonenbilanzen und NRF-gewichtete Gesamtbilanz

Gebäude werden in thermische Zonen mit gleichen Nutzungsprofilen und ähnlichen Klimabedingungen unterteilt. Jede Zone erhält eine vollständige Monatsbilanz. Die Gesamtbilanz entsteht durch flächengewichtete Summierung über alle Zonen.

Beispiel-ZoneNRF [m²]Nutzungsprofilθset,hθset,cBetriebszeit
Bürozone Ost420Büroarbeit20 °C26 °CMo–Fr 7–19 Uhr
Serverraum35EDV-Betrieb18 °C24 °C24/7
Besprechung85Besprechung20 °C26 °CMo–Fr 8–18 Uhr
Lager / Technik120Lager15 °CMo–Fr 6–18 Uhr
Gesamt660
QP,gesamt [kWh/(m²·a)] = ( ΣZonen Q_P,Zone × NRFZone ) / NRFgesamt

Zonen mit abweichenden Nutzungszeiten oder Temperaturniveaus müssen zwingend separat bilanziert werden. Ein Serverraum mit 24/7-Betrieb und permanentem Kühlbedarf darf nicht mit der angrenzenden Bürofläche zusammengefasst werden – der resultierende Fehler im Primärenergiebedarf kann 15–25 % betragen.

Iterationsverfahren

Wenn Anlagen selbst Wärmequellen sind – das Iterationsverfahren

Heizungsverteilleitungen, die durch beheizte Räume führen, geben Wärme an den Raum ab und reduzieren so den Heizenergiebedarf. Gleichzeitig hängen die Leitungsverluste vom Heizenergiebedarf selbst ab – das erfordert ein iteratives Lösungsverfahren.

1

Initialisierung: Heizenergiebedarf Qh ohne Anlagenwärme berechnen (erster Schätzwert ohne Rückkopplung)

2

Anlagenberechnung: Aus Qh werden die Verluste der Verteilleitungen ermittelt – abhängig von Leitungslänge, Dämmstandard, Vorlauftemperatur und Betriebszeit

3

Rückkopplung: Der Anteil der Leitungsverluste, der in beheizte Zonen abgegeben wird, fließt als interne Wärmequelle in die Raumbilanz ein

4

Neue Bilanz: Qh wird mit der zusätzlichen internen Wärmequelle neu berechnet – in der Regel sinkt er gegenüber dem Initialisierungswert

5

Konvergenz: Die Iteration endet, wenn die Änderung von Qh zwischen zwei Durchläufen weniger als 1 % beträgt – dann liegt eine konsistente Lösung vor

Praxishinweis: Moderne Bilanzierungssoftware (EVEBI, GEB, SOLAR-COMPUTER) führt die Iteration vollautomatisch durch. Für den Energieberater relevant ist die sorgfältige Erfassung der Rohrnetzlänge im beheizten Bereich und des Dämmstandards der Leitungen bei der Vor-Ort-Begehung – beides geht direkt als Eingangsgröße in die Iterationsrechnung ein.

Physikalischer Hintergrund

Ausnutzungsgrad der Wärmegewinne – mathematischer Hintergrund

Der monatliche Ausnutzungsgrad ηg verhindert, dass im Sommer überschüssige Solarwärme fälschlicherweise den Heizenergiebedarf rechnerisch ins Negative treibt. Seine Herleitung folgt einer physikalisch begründeten Formel.

Gain-Loss-Ratio γ = Qg / Ql

Das Verhältnis von Gewinnen zu Verlusten bestimmt das Regime. Bei γ < 1 überwiegen Verluste (Heizfall, η nahe 1,0). Bei γ > 1 überwiegen Gewinne – die Zone hat mehr Energie als sie zum Heizen benötigt, η sinkt deutlich.

Wärmespeicherfähigkeit Cwirk und Parameter a

Die effektive Speicherfähigkeit Cwirk [kWh/K] bestimmt den Formparameter a. Schwere Bauweise (Beton, Ziegel: ≈ 130 kJ/(m²·K)) ergibt a ≈ 2,0–2,6. Leichte Bauweise (Holzrahmen: ≈ 40 kJ/(m²·K)) ergibt a ≈ 0,8–1,2.

Formel für ηg
ηg = (1 − γa+1) / (1 − γa+2)    für γ ≠ 1
ηg = (a + 1) / (a + 2)           für γ = 1

Beispiel (γ = 0,5; a = 2,0):
ηg = (1 − 0,5³) / (1 − 0,5⁴) = 0,875 / 0,9375 = 0,933

Ein Ausnutzungsgrad von 0,93 bedeutet: 93 % der solaren und internen Gewinne werden im Heizfall effektiv genutzt, 7 % gehen als nicht nutzbare Wärme verloren (leichte Überwärmung an sonnigen Tagen). Bei schwerer Bauweise und γ = 0,3 (typischer Wintermonat) kann η bis 0,99 erreichen.

FAQ

Häufige Fragen zur monatlichen Bilanzierung

Der Ausnutzungsgrad ηg gibt an, welcher Anteil der solaren und internen Wärmegewinne tatsächlich zur Deckung des Heizenergiebedarfs genutzt werden kann – und nicht zu unerwünschter Überhitzung führt. Er wird monatlich berechnet und liegt im Heizfall typisch zwischen 0,85 und 0,99.

Die Berechnung basiert auf dem Verhältnis γ = Qg/Ql und der effektiven Wärmespeicherfähigkeit Cwirk. Bei γ weit unter 1 (viele Verluste, wenig Gewinne) liegt η nahe 1,0 – jede Kilowattstunde Gewinn wird vollständig angerechnet. Bei γ über 1 sinkt η deutlich, weil überschüssige Wärme aus der Bilanz herausgenommen werden muss.

Interne Lasten werden nach Nutzungsprofil als flächenbezogene Leistungsangaben angesetzt: Personenwärme 6–8 W/m² (je nach Nutzungsart und Belegungsdichte), Bürogeräte etwa 7 W/m², Lager- und Technikflächen 2 W/m². Die Beleuchtungsabwärme wird aus der separaten Beleuchtungsbilanz übernommen.

Entscheidend ist die Gewichtung mit den tatsächlichen Benutzungsstunden pro Monat. Ein Bürogebäude mit Betriebszeit Mo–Fr 7–19 Uhr hat im Jahresschnitt deutlich geringere interne Lasten als ein 24/7-betriebener Serverraum. Falsch angesetzte Nutzungszeiten sind eine häufige Fehlerquelle bei der Bilanzierung.

Eine hohe Speichermasse (schwere Bauweise: Beton, Kalksandstein, Ziegel) erhöht den monatlichen Ausnutzungsgrad der Wärmegewinne, weil kurzfristige Temperaturspitzen im Tagesverlauf gepuffert werden. Das Gebäude nimmt tagsüber Wärme auf und gibt sie nachts allmählich wieder ab – Gewinne aus sonnigen Stunden werden so auch für die nächtliche Raumtemperierung genutzt.

In der Monatsbilanz ist Cwirk eine zonenspezifische Größe. Als Richtwert gilt: schwere Bauweise 130–150 kJ/(m²·K), mittlere Bauweise 60–90 kJ/(m²·K), leichte Bauweise 30–50 kJ/(m²·K). Eine leichte Holzrahmenkonstruktion kann gegenüber Massivbauweise 5–10 % höheren Jahresheizenergiebedarf aufweisen, allein durch den niedrigeren Ausnutzungsgrad.

Die Monatsbilanzmethode nach DIN V 18599 vereinfacht das thermische Verhalten auf 12 monatliche Rechenschritte mit statistisch gemittelten Referenzklimasätzen (Testreferenzjahr). Das macht sie recheneffizient, normativ eindeutig reproduzierbar und für GEG-Nachweise vollständig ausreichend.

Dynamische Simulationen (EnergyPlus, IDA ICE, TRNSYS) rechnen stündlich oder minütlich und erfassen transiente Effekte: Anlaufverhalten von Wärmepumpen, Tagesganglinie der Solarstrahlung, Speicherprozesse im Detail. Sie werden bei sehr komplexen Gebäuden, Plusenergiehäusern, Forschungsprojekten oder zur Optimierung von Regelstrategien eingesetzt – nicht für den normativen Nachweis.

Ein negativer Heizenergiebedarf im Sommer entsteht, wenn solare und interne Gewinne die thermischen Verluste übersteigen: Qh,Monat = Ql − ηg × Qg < 0. Dies ist ein rein rechnerisches Ergebnis – eine laufende Heizung im Sommer macht natürlich keinen Sinn. Der Wert wird bei der Jahressumme auf null gesetzt.

Der positive Wärmeüberschuss ist jedoch kein Freigewinn: Er führt zu sommerlicher Überwärmung und wird in die Kühlbedarfsberechnung eingespeist. Gebäude mit hohen Süd- und Westfensterflächen können erhebliche Kühllasten entwickeln. Die Monatsbilanz zeigt diesen Effekt transparent und liefert so die Grundlage für Verschattungsoptimierungen.

Monatsbilanz professionell berechnen lassen

Unsere Experten berechnen die Zonenbilanzen nach DIN V 18599 – iterativ, plausibel geprüft und förderfähig dokumentiert.

Jetzt Beratung anfragen