Der Primärenergiefaktor ist das zentrale Gewichtungsmaß in der Gebäudeenergiebilanz. Er verbindet den gemessenen Endenergieverbrauch mit dem politisch relevanten Primärenergiebedarf und entscheidet, ob ein Gebäude die gesetzlichen Anforderungen erfüllt.
Der Primärenergiefaktor fp beschreibt das dimensionslose Verhältnis zwischen verbrauchter Primärenergie und gelieferter Endenergie an der Gebäudegrenze. Er berücksichtigt alle Verluste entlang der Versorgungskette: Rohstoffgewinnung, Aufbereitung, Umwandlung in Kraftwerken und Raffinerien, Leitungsverluste bei Transport und Verteilung sowie Speicherung bis zum Übergabepunkt.
Grundformel: fp = Primärenergie / Endenergie
Ein fp von 1,1 für Erdgas bedeutet: Um im Gebäude 100 kWh Heizenergie bereitzustellen, werden 110 kWh Primärenergie aus der Erde gewonnen. Die 10 kWh Verlust entstehen durch Förderung, Aufbereitung, Komprimierung und Pipelinetransport bis zur Gebäudegrenze.
In der Bilanzierung werden zwei Teilfaktoren unterschieden: fp,n (nicht erneuerbar) beschreibt den fossilen Anteil der Primärenergiepfade, während fp,e (erneuerbar) den regenerativen Anteil abbildet. Für GEG-Anforderungen ist ausschließlich fp,n relevant. Der Gesetzgeber nutzt fp als politisches Steuerungsinstrument: durch Anpassung der Tabellenwerte werden verschiedene Energieträger in der Gebäudebilanz bevorzugt oder benachteiligt.
fp ist ein reiner Umrechnungsfaktor ohne physikalische Einheit. Er wird mit dem Endenergiebedarf in kWh/(m²a) multipliziert, um den Primärenergiebedarf zu erhalten. So werden verschiedene Energieträger auf einer gemeinsamen Skala vergleichbar.
Pellets haben fp,n = 0,2 (fossiler Logistikaufwand für Ernte und Transport) und fp,e = 0,0. Strom hat fp,n = 1,8 und fp,e = 2,8 — beide Werte spiegeln den systemischen Energiemix im deutschen Netz wider.
Tabellenwerte aus GEG 2024 Anlage 4 sind für den GEG-Nachweis verbindlich. Ohne spezifischen Individualnachweis — z.B. Fernwärme-Versorgernachweis mit Vorjahresdaten — dürfen sie nicht abgeändert werden.
Die folgende Tabelle listet alle Energieträger mit ihren offiziellen Primärenergiefaktoren nach GEG 2024. Diese Werte sind für den GEG-konformen Energienachweis verbindlich und werden periodisch dem tatsächlichen Energiemix angepasst.
| Energieträger | fp,n (nicht erneuerbar) | fp,e (erneuerbar) | Einschätzung |
|---|---|---|---|
| Heizöl EL | 1,1 | 0,3 | Mittel |
| Erdgas | 1,1 | 0,3 | Mittel |
| Flüssiggas (LPG) | 1,1 | 0,3 | Mittel |
| Steinkohle | 1,1 | 0,2 | Fossil |
| Braunkohle | 1,2 | 0,2 | Fossil hoch |
| Biomasse fest (Pellets, Hackschnitzel) | 0,2 | 0,0 | Günstig |
| Biomasse gasförmig (Biogas, Biomethan) | 0,5 | 0,0 | Günstig |
| Strom (Bundesmix) | 1,8 | 2,8 | Derzeit hoch |
| Fernwärme (fossil dominant) — Standardwert | 0,7 | 0,3 | Standardwert |
| Fernwärme KWK-fossil mit Individualnachweis | 0,3 – 0,7 | variabel | Nachweis möglich |
| Solarthermie | 0,0 | 0,0 | Optimal |
| Umweltwärme (Wärmepumpenquelle: Luft, Erde, Wasser) | 0,0 | 0,0 | Optimal |
| Geothermie, Industrieabwärme | 0,0 | 0,0 | Optimal |
Der Strom-Primärenergiefaktor spiegelt den jeweils aktuellen Energiemix im deutschen Stromnetz wider. Mit zunehmendem Ausbau erneuerbarer Energien sinkt er — mit erheblichen Konsequenzen für die Gebäudebilanz elektrisch betriebener Heizsysteme.
Praktische Bedeutung: Ein Gebäude, das heute mit einer Wärmepumpe den GEG-Grenzwert knapp unterschreitet, wird in 10 Jahren mit demselben Gerät deutlich bessere Primärenergiebilanzwerte erzielen — ohne Änderung am Gebäude. Gasheizungen profitieren davon nicht, da ihr fp,n stabil bei 1,1 bleibt.
Fernwärmeversorger mit nachweislich hohen Anteilen erneuerbarer Energie, Industrieabwärme oder hocheffizienter KWK dürfen individuelle fp-Werte unterhalb des Tabellenwerts 0,7 verwenden. Voraussetzungen:
Städtische Wärmenetze mit Geothermie (z.B. München, Schwerin) oder integrierter Industrieabwärme erreichen fp-Werte zwischen 0,3 und 0,45 — ein erheblicher GEG-Vorteil für angeschlossene Neubauten gegenüber Einzelversorgung mit Erdgas.
Unterschiedliche fp-Werte führen zu erheblich verschiedenen Primärenergiebilanzwerten. Das folgende Rechenbeispiel basiert auf einem Einfamilienhaus mit 150 m² Wohnfläche und 12.000 kWh Heizwärmebedarf pro Jahr.
Eine Wärmepumpe bezieht Energie aus Strom (fp,n = 1,8) und Umweltwärme (fp,n = 0,0). Der effektive Gesamt-fp ergibt sich aus dem Stromanteil an der gelieferten Nutzwärme, der durch die JAZ bestimmt wird:
fp,eff (Wärmepumpe) = (1 / JAZ) × fp,n,Strom
JAZ 3,0 heute: fp,eff = 0,333 × 1,8 = 0,60 — besser als Erdgas (1,1) und Heizöl (1,1)
JAZ 4,0 heute: fp,eff = 0,250 × 1,8 = 0,45 — besser als Fernwärme-Standardwert (0,7)
JAZ 5,0 heute: fp,eff = 0,200 × 1,8 = 0,36 — nahe am Fernwärme-Individualnachweis-Mindestwert
JAZ 3,0 mit fp,Strom 2030 = 1,2: fp,eff = 0,40 — deutlich unter Fernwärme-Standardwert
Primärenergiefaktoren sind nicht nur technische Kennzahlen — sie sind politische Steuerungsinstrumente. Für Energieberater und Gebäudeeigentümer ergeben sich daraus klare Planungskonsequenzen.
Wer heute in Wärmepumpen investiert, profitiert automatisch von sinkenden Strom-fp-Werten. GEG-Anforderungen werden mit sinkendem fp leichter erreichbar — ein eingebauter Vorteil für elektrisch betriebene Heizsysteme ohne zusätzliche Investition.
Nicht jeder Fernwärmeanschluss ist gleichwertig. Der individuelle fp-Nachweis des Versorgers entscheidet: 0,7 (Standard) vs. 0,35 (Geothermienetze) macht den Unterschied bei der GEG-Erfüllung aus. Immer Versorgerdaten anfragen.
Da Solarthermie fp,n = 0,0 hat, verbessert jede kWh solare Deckung die Primärenergiebilanz ohne Primärenergieaufwand. Solarthermische Deckungsgrade von 20–30 % am Warmwasserbedarf senken den Gesamt-fp eines Gasgebäudes messbar um 0,05–0,1.