DIN EN 16247 Bestandsaufnahme

IST-Zustand-Analyse im Energieauditbericht

Herzstück des Audits: vollständige Bestandsaufnahme aller energierelevanten Systeme, Energiebilanzierung, Identifikation signifikanter Verbraucher und Benchmarking gegen Branchenkennwerte.

Vollständige Energiebilanz
Signifikante Verbraucher (SEU)
Benchmarking & Normierung
3 J.Verbrauchsdaten Minimum
10 %SEU-Schwellenwert
≤ 5 %Bilanz-Toleranz

Vier Schritte zur vollständigen Bestandsaufnahme

Die IST-Analyse folgt einer strukturierten Abfolge — von der Gesamtbilanz auf Unternehmensebene bis zur Detailbeschreibung einzelner Anlagen. Nur so können Einsparpotenziale systematisch identifiziert werden.

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Gesamtenergiebilanz

Gesamter Energieinput (alle Energieträger), Nutzenergie nach Anwendung und Verluste — als lückenlose Bilanz vom Energieträger bis zur Anwendung. Bilanziert über den Referenzzeitraum (mindestens 12, besser 36 Monate).

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Verbrauchsaufteilung nach Bereichen und Energieträgern

Aufsplittung des Gesamtverbrauchs auf Anwendungsbereiche: Heizung, Warmwasser, Kühlung, Beleuchtung, Druckluft, Prozess, IT, Fuhrpark. Je Bereich: Verbrauch in kWh/a, Kosten in €/a, Anteil am Gesamtverbrauch in Prozent.

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Lastprofile der Hauptverbraucher

Stündliche oder viertelstündliche Leistungsganglinien der signifikanten Energieverbraucher, sofern Messdaten vorliegen (Smart Meter, Gebäudeleittechnik). Lastprofile decken Leerlaufverbräuche, Spitzenlasten und Betriebszeiten auf.

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Anlagenbeschreibungen je System

Für jede relevante Anlage: Baujahr, Nennleistung/Kapazität, Betriebsstunden pro Jahr, aktueller Betriebszustand (gut/wartungsbedürftig/sanierungsbedürftig), gemessene Betriebsdaten und Foto. Abweichungen vom Auslegungspunkt werden notiert.

Von der Einspeisung zur Nutzenergie

Die Energiebilanz folgt dem Prinzip: Eingabe = Nutzenergie + Verluste. Das folgende Schema zeigt, wie Energie vom Energieträger bis zur Anwendung bilanziert wird — jede Stufe muss im Bericht nachvollziehbar sein.

Energieinput
Erdgas680.000 kWh/a
Strom (Netz)215.000 kWh/a
PV-Eigenstrom32.000 kWh/a
Diesel18.000 kWh/a
Umwandlung
GasheizkesselWirkungsgrad 82 %
KälteanlageCOP 2,8
Druckluft-Kompressorspez. Leistung 7,2 kWh/m³
Nutzenergie
Raumwärme358.000 kWh/a
Warmwasser42.000 kWh/a
Kühlung78.000 kWh/a
Beleuchtung95.000 kWh/a
Druckluft68.000 kWh/a
Prozess + IT112.000 kWh/a
Verluste
Kesselabgas122.000 kWh/a
Leitungsverluste38.000 kWh/a
Druckluft-Leckagen32.000 kWh/a
Bilanzprüfung: Input (945.000 kWh) = Nutzenergie (753.000 kWh) + Verluste (192.000 kWh). Abweichung zur Verbrauchsabrechnung unter 5 % → Bilanz gilt als plausibel. Größere Abweichungen deuten auf Messfehler, Leckageverluste oder nicht erfasste Verbraucher hin.

Identifikation und Detailerfassung der SEU

Anlagen mit mindestens 10 % des Gesamtenergieverbrauchs sind als signifikante Energieverbraucher (SEU) einzustufen und werden im Bericht besonders detailliert dokumentiert. SEU sind die primären Ansatzpunkte für Energieeffizienzmaßnahmen.

SEU — Pflichterfassung

Gasheizkessel (Baujahr 1998)

Verbrauchsanteil72 % des Gasverbrauchs
Nennleistung93 kW
Betriebsstunden4.200 h/a (gem.)
Wirkungsgrad82 % (Soll: 95 %)
ZustandSanierungsbedürftig
SEU — Pflichterfassung

Druckluft-Kompressor Atlas Copco

Verbrauchsanteil32 % des Stromverbrauchs
Nennleistung37 kW
Betriebsstunden6.800 h/a (log.)
Leckagerate28 % (Soll: <5 %)
ZustandWartungsbedürftig
Erhöhtes Einsparpotenzial

Beleuchtung Produktionshalle

Verbrauchsanteil22 % des Stromverbrauchs
TechnologieT8-Leuchtstoffröhre
Betriebsstunden4.500 h/a
Spez. Verbrauch18 W/m² (Soll: 6 W/m²)
ZustandVeraltete Technologie

Anlagenübersicht mit Zustandsbewertung

Alle erfassten Anlagen werden in einer Übersichtstabelle mit Zustandsbewertung dargestellt. Dieses Format ermöglicht dem Entscheider, auf einen Blick zu erkennen, wo dringender Handlungsbedarf besteht.

Anlage / System Baujahr Verbrauch kWh/a Betriebsstunden h/a Zustand
Gasheizkessel (93 kW) 1998 490.000 4.200 Sanierungsbedürftig
Druckluft-Kompressor (37 kW) 2008 68.000 6.800 Wartungsbedürftig
Lüftungsanlage Produktion 2011 45.000 5.200 Wartungsbedürftig
Beleuchtung Produktion 2003 48.000 4.500 Sanierungsbedürftig
Kälteanlage Lager 2015 32.000 6.000 Gut
Warmwasserbereitung 2019 42.000 2.800 Gut

Vergleich mit Branchenkennwerten

Gemessene Verbrauchswerte werden gegen Branchenkennwerte gesetzt. Ausreißer nach oben zeigen unmittelbaren Handlungsbedarf an und liefern eine objektive Begründung für Investitionen.

Bürogebäude — Stromverbrauch kWh/(m²a)

Branche Basis
40 kWh
Branche Mittel
80 kWh
Ihr Objekt
150 kWh

Produktion — Heizenergie kWh/(m²a)

Branche Basis
70 kWh
Branche Mittel
120 kWh
Ihr Objekt
130 kWh
Normierungspflicht: Verbrauchswerte müssen vor dem Benchmarking normiert werden. Bei variablem Output: kWh pro Stück oder Tonne verwenden. Bei witterungsabhängigen Heizwerten: Gradtagszahl-Normierung auf Normalklima anwenden. Nicht normierte Vergleiche sind irreführend und bei der BAFA angreifbar.

Häufige Fehler in der IST-Zustand-Analyse

Häufige Fragen zur IST-Zustand-Analyse

Die IST-Zustand-Analyse umfasst die vollständige Bestandsaufnahme aller energierelevanten Systeme: Gesamtenergiebilanz mit Einspeisung, Verbrauch und Verlusten; Verbrauchsaufteilung nach Bereichen und Energieträgern; Lastprofile der Hauptverbraucher; Einzelbeschreibungen aller relevanten Anlagen mit Baujahr, Leistung, Betriebsstunden und Zustandsbewertung.
Als signifikante Energieverbraucher (SEU) gelten Anlagen mit mindestens 10 % des Gesamtenergieverbrauchs oder solche mit bekannt hohem Einsparpotenzial. SEU werden besonders detailliert dokumentiert: Lastgang wenn verfügbar, gemessene Betriebsparameter, Vergleich mit dem Stand der Technik und Einsparziel.
Bei variablem Produktionsoutput wird der Energieverbrauch auf eine Bezugsgröße normiert (z. B. kWh je produzierter Tonne oder je Stück). Wenn das Referenzjahr eine ungewöhnlich hohe oder niedrige Auslastung hatte, wird der Verbrauch auf die Normalproduktion hochgerechnet. Das Normierungsverfahren muss im Bericht erläutert und begründet werden.
Fotos sind nach DIN EN 16247 keine explizite Pflicht, aber in der BAFA-Prüfpraxis fest etabliert und werden erwartet. Sie belegen die Vor-Ort-Begehung und ermöglichen die Zustandsbewertung auch ohne wiederholten Besuch. Typischerweise werden Fotos von Kesselanlagen, Druckluftanlagen, Lüftungsanlagen, Beleuchtung und auffälligen Schwachstellen beigefügt.
Primäre Quelle sind Energierechnungen der letzten 3 Jahre, die auf Vollständigkeit und Plausibilität geprüft werden. Ergänzend werden Zählerauslesungen (Stunden-, Tages- oder Monatswerte) herangezogen, sofern vorhanden. Die erhobenen Werte werden gegen Branchenkennwerte (kWh/m², kWh/Stück) auf Plausibilität geprüft, Abweichungen werden im Bericht kommentiert.